Leseprobe: Wo du auch sein wirst

Kapitel 1

 

 

 

 

 

Damals.

 

 

 

Es war ein sonniger Morgen, in einem kleinen verschlafenen Ortsteil einer großen Stadt, etwas außerhalb in einem kleinen Waldstück gelegen. Bereits jetzt war es schon so warm, dass sogar die Vögel sich schattige Plätze suchten. Die Luft flirrte um die besonders heißen Stellen und gab einem das Gefühl sich in einer Wüstenstadt zu befinden. Feline spielte mit ihrem kleinen Bruder im Garten ihres herrschaftlichen Hauses. Es war eine wunderschöne Villa. Prunkvoll und gepflegt. Die gesamte Anlage war ganz bewusst angelegt, um jedem Besucher zu zeigen, dass hier das Geld wohnte.

 

Sie wohnte dort mit ihren Eltern und da es genug Zimmer gab, musste sie sich mit ihrem Bruder noch nicht mal ein Zimmer teilen. Oft genug fragte sie sich, wozu man so viele Zimmer brauchte, wenn es nicht genug Menschen gab, die dort drin wohnen konnten.

 

Große Holzfenster ließen in jeden Raum genug Licht, riesige, hohe Decken ließen die Zimmer noch größer wirken.  Wenn man noch so klein war wie Feline, dann konnte man schnell das Gefühl haben in dem großen Haus verloren zu gehen. Es gab aber auch genug Platz um sich zu verstecken, wenn der Vater böse auf einen war, oder der Bruder einen ärgerte. Feline wuchs in einer Zeit auf, in der die Frauen den Männern gehorchen sollten, oftmals nicht arbeiteten und zu Hause für Kinder und Haushalt verantwortlich waren. Jedoch hatte Felines Mutter eine Haushälterin, deshalb fragte sie sich oft, was ihre Mutter eigentlich dann den ganzen Tag tat. Feline selbst wurde schon in ihrem jungen Alter dazu erzogen zu gehorchen. Zunächst ihren Eltern und der Haushälterin, aber dieser nur bedingt. Später dann einmal ihrem Ehemann. Feline hatte jedoch ihren eigenen Kopf und hielt es oftmals nicht für nötig, jeder Anweisung Folge zu leisten. Das Haus war auf einer kleinen Anhöhe gelegen, mit einer eigenen Zufahrt und einem riesigen Teich vor dem Grundstück. Der Teich war öffentlich und durfte auch von anderen Menschen benutzt werden, der Garten des Hauses allerdings nicht, da durften nur sie hin.

 

Oft stand Feline vor dem alten Zaun und schaute hinunter auf das Wasser, sie beobachtete die fremden Familien, die Enten fütterten oder spazieren gingen. Bei dieser Hitze gingen jedoch nicht viele Menschen vor die Tür. Sie zogen es dann vor in ihren kühleren Häusern zu verweilen und auf den Abend zu warten, um hinaus zu gehen.  Sie selbst durfte nur selten hinunter und alleine schon gar nicht.

 

Entweder musste sie die Haushälterin mit Bitten und Betteln überreden, oder ihre Mutter erbarmte sich mitzugehen. Das waren aber sehr seltene Ausflüge.

 

An diesem Morgen spielte Feline wie gesagt mit ihrem kleinen Bruder Charlie im Garten. Charles war 6 und Feline 10 Jahre alt. Normalerweise hörte Charlie immer auf das was sie sagte und das gefiel ihr ganz gut. Sie kam sich dann wie eine Erwachsene vor und konnte bestimmen, was das Kind tun sollte. Da sie sonst nicht allzu viel zu bestimmen hatte, nutzte sie diese Gunst solange sie noch konnte. Sie wusste, dass es kommen würde und Charlie über sie bestimmen würde. Es wurde immer wärmer im Garten und die große Tanne spendete noch keinen Schatten, die Sonne stand zu hoch. Feline sehnte sich danach ihre Füße in den kühlen Teich zu hängen und mit dem Wasser zu planschen. Sie versuchte über den Rasen zu laufen, ohne die Gänseblümchen kaputt zu machen.

 

Von ihrer Mutter oder der Haushälterin war weit und breit nichts zu sehen.

 

„Charlie, wenn ich den Ball über den Zaun fallen ließ, würdest du ihn holen wollen?“

 

Ihr kleiner Bruder zog die Stirn in Falten und legte den Kopf schief. Er war nicht dumm, obwohl er erst 6 Jahre alt war, wusste er genau was er durfte und was nicht.

 

„Nein, das dürfen wir nicht.“ Er machte dicke Backen.

 

„Aber es ist dein einziger Ball und du bekommst sicher keinen Neuen.“

 

Er stemmte seine kleinen Fäuste in die Seiten und schürzte schmollend die Lippen.

 

„Du darfst den Ball nicht da runter werfen.“

 

Mit einem „ups“ ließ Feline den Ball fallen, er rollte über die kleine Straße die zwischen der Anhöhe des Hauses und dem Teich verlief und mit einem „Platsch“ landete er im Wasser. Dicke Kullertränen sammelten sich in den Augen ihres kleinen Bruders.

 

„Oh man, Jungs weinen nicht, du Baby.“

 

Seine Unterlippe zitterte und Feline wusste, dass es gleich Geschrei geben würde, wenn sie nicht sofort etwas unternahm.

 

„Ist ja gut, du Baby, ich gehe und hole ihn.“

 

Das Zittern beruhigte sich und die Zornesfalte in Charlies Stirn glättete sich ebenfalls ein wenig.

 

Feline schlüpfte durch ein Loch im Zaun hinter einer Hecke und Charlie rannte schnell an die lange Seite des Gartens um sie beobachten zu können. Sie schlängelte sich durch die, von den Kutschen hinterlassenen, Pferdeäpfel und schon stand sie direkt am Wasser. Der Ball hatte sich in ein paar Ästen verheddert die ins Wasser ragten. Er war also nicht ohne weiteres raus zu fischen. Sie sah sich nach einem langen Stock um, fand einen ein paar Meter von ihr entfernt und versuchte damit nach dem Ball zu angeln. Fast hatte sie ihn erwischt, da sprang er durch das schwappende Wasser noch weiter weg und trudelte in die Mitte des Sees.

 

Charlie fing oben am Zaun schon wieder an zu jaulen und Feline legte einen Finger auf ihre Lippen um ihm zu zeigen, dass er still sein soll. Es half nichts, sie musste also um den Teich ein Stück herum gehen um vielleicht von der anderen Seite an den Ball zu kommen. Fast bekam sie ein schlechtes Gewissen, da sie ihre Mutter und die Haushälterin hinterging, aber sie war zu beflügelt vom Reiz des Verbotenen und außerdem musste sie den Ball ja wieder zurückholen. Sie hüpfte den Weg um den Teich weiter, ihr weißes Kleidchen mit den roten gestickten Blumen drauf flatterte dabei ihm Wind. Sie hätte viel lieber Hosen angehabt wie Charlie und ein Hemd. Das war sicher viel bequemer.

 

Ihre blonden Locken hatte ihre Haushälterin heute früh zu Zöpfen hochgeflochten. Feline mochte diese Frisuren nicht, sie drückten und machten Kopfschmerzen, aber ihre Mutter wollte es so.

 

„Du siehst aus wie eine kleine Dame“ sagte sie dann immer. Welches kleine Mädchen wollte schon wie eine alte Dame aussehen?!

 

Eine kleine Weg Gabelung brachte Feline zum Stehen. Links ging es weiter um den Teich herum, rechts schimmerte irgendwas auf dem Boden einer kleinen Lichtung.

 

Die Bäume um den Teich waren hochgewachsen und machten es in manchen Ecken schwer zu erkennen was auf dem Weg vor einem lag. Trotz der hellen Sonne. Aber irgendetwas blitzte dort und Feline war einfach zu neugierig. Sie zuckte mit den Schultern. Ärger würde sie sowieso bekommen.

 

Sie blickte noch einmal in Richtung Haus und konnte Charlies kleinen dicken Arme durch den Zaun winken sehen. Sie wusste dass er Angst hatte, dass sie beide Ärger bekommen könnten. Berechtigt, vermutete Feline. Das würde als geringste Strafe mit Hausarrest enden, wenn nicht mit schlimmerem. Sie lief schnell zu der Lichtung die vom Teich wegführte und näherte sich dem Blitzen. Zwischen zwei Bäumen an einer Gabelung lag eine große viereckige Glasscheibe auf dem Boden. Das Gras um die Bäume war relativ hoch gewachsen, so dass Feline näher ran gehen musste um genau zu sehen was darunter war. Die war ihr noch nie aufgefallen.

 

Die Scheibe lag wie ein Deckel auf einem viereckigen Tunnel der senkrecht in die Erde ragte.

 

Das Glas stand nur ungefähr 15 cm aus der Erde heraus. Zwischen Tunnel und Glas war ein kleiner Luftraum, da die Scheibe auf kleinen Säulen unter jeder Ecke lag.

 

Feline versuchte durch die Scheibe in den Tunnel nach unten zu blicken, aber sie sah nur ein paar grüne Pflanzen, die sich von unten an das Glas drückten und den Tunnel hinunterwuchsen. Oder hinauf dachte sie. Ob das Glas sie halten würde? Wenn sie sich oben drauf stellte, konnte sie vielleicht besser sehen was darunter lag?

 

Sie legte den Kopf schief und setzte vorsichtig einen Fuß drauf. Sie testete wie stabil es wirklich war, dann verlagerte sie ihr Gewicht nach vorne und zog den zweiten Fuß hinterher.

 

Das Glas schien sehr dick zu sein und hielt sie problemlos. Sie kniete sich hin und hielt ihre Nase ganz dicht über der Scheibe. Sie war sehr schmutzig und ihre Kniestrümpfe jetzt mit Sicherheit auch.

 

Mutter würde schimpfen.

 

Aber sie war einfach zu neugierig. Der Tunnel war ganz dunkel, nur ein kleines Licht schien am Ende zu leuchten, aber was könnte das sein? Feline kniff ihre Augen zusammen.

 

Sie hörte ihren kleinen Bruder ihren Namen rufen. Aber er traute sich noch nicht richtig laut zu rufen. Er hatte zu viel Angst, dass ihre Mutter ihn hörte. Feline konzentrierte sich wieder auf den Tunnel und kniff die Augen erneut zusammen. Sie sah immer noch nur das kleine Licht.

 

 

 

Das Glas um ihre Knie fing an zu flimmern.    Feline erschrak und wollte noch runter springen, aber es war zu spät. Mit einem Klack war das Glas verschwunden und sie fiel in den Tunnel, steil nach unten. Sie versuchte zu schreien, aber der Luftstrom der durch den Fall von unten nach oben zischte raubte ihr den Atem.

 

Sie fiel und fiel und fiel und konnte während des Fallens ihren ersten Schreck schon wieder vergessen und sah sich um, aber außer schwarz war nicht viel zu sehen. Sie fiel immer noch und versuchte nach unten zu schauen, das kleine Licht kam immer näher. Irgendwann musste doch der Boden kommen. Nach ein paar Sekunden sah sie tatsächlich einen grünen Boden auf sie zu rasen. Jetzt packte sie wieder die Angst, den Aufprall konnte sie doch nicht überleben, sie war viel zu schnell und würde sich schrecklich wehtun.

 

Es waren nur noch Zentimeter und ihr Po berührte den grünen Rasen und schleuderte sie wie ein Trampolin wieder in die Luft. Sie quietschte schrill, damit hatte sie nicht gerechnet. Sie federte zurück auf den grünen Rasen und hopste dann nur noch etwas, bis sie schließlich zum Stillstand kam. Schnell versuchte sie sich aufzurappeln, der Boden war plötzlich nicht mehr weich sondern hart, wie normaler Rasen. Kein Trampolin mehr. Zwischendurch hatte sie schon gedacht, dass sie am anderen Ende der Welt hinauskommen müsste, so lange wie sie gefallen war. Sie strich sich das Kleid glatt, eher aus Gewohnheit, denn sie sollte immer ordentlich aussehen, und fing an sich umzusehen. Es war sehr hell, der Fall durch den dunklen Tunnel hatte ihre Augen an das dunkle Licht gewöhnt, deshalb war sie noch immer geblendet und musste die Augen zusammen kneifen. Nur langsam konnte sie ihre Umgebung ausmachen.

 

Über ihr schien der Himmel zu sein, strahlend blau. Sie stand auf einer kleinen Lichtung mitten in einem Wald. Die Bäume waren riesig, noch viel höher als in dem Wald bei ihr zu Hause. Wie konnte denn über ihr ein Himmel sein? Sie war doch in die Erde gefallen?


 

 

Kapitel 2

 

 

 

 

 

Heute.

 

 

 

Der Wecker riss sie augenblicklich aus einem tiefen Schlaf. Es gab Nächte da schlief sie so fest, dass ihre innere Uhr nicht richtig funktionierte und sie den Wecker erst gar nicht hörte.

 

„Mist Ding.“ Sie schlug mit der linken Hand blind nach dem Wecker. Die Schlafmaske hatte sie immer noch über den Augen und auch keine Lust sie abzumachen. Sie erwischte ihn fast und hörte noch wie er von dem Nachttisch auf den Boden fiel und munter weiter schrillte. Da sie den Wecker nicht ignorieren konnte, musste sie wohl aufstehen. Sie schob die Schlafmaske hoch und suchte mit den Füßen nach ihren Hausschuhen. Der Holzfußboden war morgens immer noch so kalt. Sie rutschte vom Bett und torkelte ins Bad. Früh aufstehen war wirklich nicht ihr Ding. Sie machte die Dusche schon mal an, damit sie auch heiß war, wenn sie drunter stieg. Der Boiler brauchte immer etwas Vorlauf. Wasserverschwendung, aber kalt duschen kam nicht in Frage. Nicht um die Uhrzeit.

 

Sie streifte ihr Nachthemd aus und putzte sich schon mal die Zähne. Als sie unter die Dusche stieg war das Wasser noch nicht wirklich heiß, aber wenn sie nicht zu spät zur Arbeit kommen wollte, dann hieß es jetzt Luft anhalten und schnell machen.

 


Leseprobe: Was auch geschieht

Kapitel 1

 

 

 

 

 

 

 

Märchen werden oft mit: Es war einmal… begonnen. Das ist die Wahrheit, denn es war wirklich irgendwann mal etwas. Doch wo beginnt man seine eigene Geschichte? Welche Informationen sind wichtig, was sollte der Leser oder Zuhörer wissen, damit er sie versteht? Zugegeben, meine ist ein bisschen verrückt.

 

Eigentlich nicht nur ein bisschen, sondern ziemlich.

 

Am besten ist es doch wenn man am Anfang beginnt. Am Anfang der Ereignisse. Mein Leben hat sich in den letzten Jahren stark verändert, mir wurden neue Perspektiven aufgezeigt, einige davon habe ich genutzt, andere wiederum nicht. Ich fange am besten mal mit meiner Ausgangsituation an.

 

 

 

Ich heiße Jules, bin 29 Jahre alt und führte ein ziemlich normales Leben. Langweilig eigentlich. Als meine Geschichte  losging war ich 27 Jahre alt. Ich fühlte mich total unerfahren und naiv. Die Welt gehörte mir und ich hatte keine Ahnung was ich damit anfangen sollte. So viel zu meinen ganz groben Eckdaten.

 

Meine Eltern sind gute Eltern. Sie waren immer für mich und meine Schwester da. Ach ja, ich habe auch noch eine Schwester. Lilly. Sie ist 20 Jahre alt. Wir hatten eine unbeschwerte Kindheit, aber wir waren nie die Art von Schwestern wie meine Freundinnen es zum Beispiel waren mit ihren Schwestern. Die waren beste Freundinnen, haben alles zusammen gemacht und sich alles erzählt. Meine Schwester und ich haben uns hauptsächlich gestritten. Aber man darf das nicht falsch verstehen, wir sind einfach völlig unterschiedlich. Selbst optisch unterscheiden wir uns komplett. Sie ist strohblond und hat eine sehr helle Haut. Sie ist groß und drahtig von ihrer Figur.

 

Ich hingegen bin eher klein, meine Figur würde ich als normal beschreiben und ich habe dunkelbraune Haare. Als Kind wollte ich immer so blond sein wie meine Schwester. Ich beneidete sie wie verrückt. Aber mit der Zeit arrangiert man sich mit seinem Aussehen. Ich hatte auch sehr glatte und lange Haare und Lilly wellige und eher kurz. Sie sieht immer irgendwie frech aus. Ich liebe das.

 

Wenn man uns zusammen sieht würde man niemals vermuten dass wir so eng miteinander verwandt waren.

 

Lilly ist eher introvertiert und schnell aufbrausend, wenn ihr etwas nicht in den Kram passte. Ich bin dagegen extrovertiert und versuche jeden Streit zu umgehen. Umso älter wir wurden, desto einfacher war es jedoch für uns miteinander umzugehen und trotz unserer Streitigkeiten waren wir immer Schwestern, miteinander verbunden. Wir stritten uns auch hauptsächlich wegen Kleinigkeiten. Spielzeuge, die Aufmerksamkeit unserer Eltern, was wir im Fernsehen schauen sollten. Nichtigkeiten. Wir hatten nie große Auseinandersetzungen über  wirklich wichtige Themen. Dafür hatten wir aber auch immer einen Spielgefährten. Ich fand das Leben meiner Freundinnen, die Einzelkinder waren immer irgendwie traurig, denn meine Schwester war immer da. Uns war eigentlich nie langweilig und wenn doch, dann war uns zusammen langweilig. Eine Schwester oder einen Bruder zu haben ist unbezahlbar. Wir teilten uns bis zu meinem 14. Lebensjahr sogar ein Zimmer. Ein riesiges Zimmer zum Glück. Damals fand ich das natürlich blöd, aber im Nachhinein ist es schön gewesen sich das Zimmer zu teilen. Wir brauchten nicht jeder unser eigenes Reich. Wenn ich an die Momente dachte, die uns verbanden, die Spiele, die wir dort gespielt haben, wie wir hinter geschlossener Tür auf den Weihnachtsmann gewartet hatten, dann war das alles zusammen einfach nur unbezahlbar. Unsere Kindheit war wirklich schön, wir hatten alles was wir wollten, alles was wir brauchten. Es war unseren Eltern zu verdanken, sie verzichteten auf vieles um uns alles zu ermöglichen.

 

So viel zu meinem familiären Hintergrund. Eigentlich auch nichts Besonderes. Es gab tausend Familien, bei denen es genauso war. Natürlich auch tausende bei denen es nicht so war, aber so ist das Leben. Und ich war glücklich, dass ich genau dieses leben durfte.

 

 

 

Auch meine berufliche Laufbahn verlief ohne größere Komplikationen, ich machte meinen Schulabschluss und hatte keine Lust zu studieren. Also machte ich eine Ausbildung als Bankkauffrau. Das hörte sich in meinen Ohren ziemlich solide an, war es aber nicht. Es war der schlimmste Job den ich je hatte. Ganz so dramatisch kann ich es aber auch nicht stehen lassen, schließlich habe ich dort eine wirklich gute Ausbildung erhalten. Da konnte ich wirklich nicht meckern. Das war meine Grundlage, um in diversen kaufmännischen Berufen arbeiten zu können. Für den Fall, dass ich das anstrebte.

 

Tatsächlich habe ich es vier Jahre in der Bank ausgehalten, inklusive Ausbildung und dann doch einfach hingeschmissen.

 

Ich war in den letzten Monaten meiner Bankkarriere unausstehlich und mein Umfeld war sogar froh darüber, dass ich gekündigt habe. Ich war wirklich nicht auszuhalten. Ich heulte unkontrolliert bei Kleinigkeiten los, Sonntagabends war ich ab 15:00 Uhr schlecht gelaunt, weil bald wieder Montag war. Ich war viel krank, jedes Husten reichte mir aus um zum Arzt zu gehen, ich war gereizt, genervt, zickig. Eben unausstehlich. Ich konnte mich selbst nicht mehr leiden, also kündigte ich meinen Job und hatte keine Ahnung was ich dann machen sollte. Das war vielleicht nicht so richtig durchdacht, aber ich war immer schon ziemlich impulsiv was Entscheidungen anging.

 

Geld war mir grundsätzlich noch nie wichtig gewesen. Ich fing also an zu jobben. In Bars, Cafés und Kneipen. Manchmal drei Schichten an einem Tag. Meine Miete musste ja trotzdem bezahlt werden. Ganz ohne Geld ging es eben auch nicht. Dass dieses Jobben keine Perspektive hatte, war mir durchaus bewusst. Aber es brachte mich dazu Hirngespinste zu entwickeln. Ich war nicht dumm oder leichtsinnig. Ich wusste, dass ich eine Perspektive brauchte. Aber was für eine? Wohin sollte ich mal gehen? Was wollte ich mal werden? Was wäre wenn…? Diese Frage beschäftigte mich häufig.

 

Was wäre wenn, ich mal was ganz Neues tun würde? Was wäre wenn, ich in eine andere Stadt ziehen würde?

 

Was wäre wenn…?

 

Ich sinnierte über verschiedene Berufe. Vielleicht sollte ich mir selbst ein kleines Café eröffnen. Ich hatte diverse Vorstellungen wie es eingerichtet sein würde, was es zu essen und zu trinken geben könnte. Ich hatte schon ein komplettes Konzept im Kopf. Aber es mangelte wie so oft an Risikobereitschaft, etwas Mut und vor allem an dem Grundkapital. Ich war zum Glück so vernünftig, dass ich wusste was es finanziell bedeutete sich selbstständig zu machen

 

Aus dem Boden stampfen konnte man so was natürlich nicht. Klar, ich war gelernte Bankerin und wusste, dass es Existenzgründerdarlehen gab. Aber ganz ehrlich, wenn ich scheitern würde, dann würde das meinen finanziellen Ruin bedeuten. Und das was ich wirklich nicht wollte, war finanziell von jemandem abhängig zu sein, sei es von meinen Eltern, von Freunden oder irgendwann von einem Ehemann.

 

Außerdem kannte ich mich tatsächlich sogar ganz gut und wusste auch, dass ich ziemlich schnell wahnsinnig begeistert von vielen Ideen war, aber auch ganz schnell nicht mehr.

 

Wie schon gesagt, ich träumte von verschiedenen Traumberufen, das Café kam mir in den Sinn, weil ich in einem ganz tollen anderen Café arbeitete und die Atmosphäre liebte. Dort stellte ich mir oft vor, dass es meins wäre und ich für mich arbeiten würde. Das konnte unheimlich viel ausmachen, wenn man nicht das Gefühl hatte man arbeitete in die Tasche von jemand anderen. Aber das war nicht der ausschlaggebende Punkt. Die Gastronomie faszinierte mich. Mit einem eigenen Café konnte ich Menschen die Möglichkeit geben zusammenzukommen, sich in einer tollen Atmosphäre zu treffen, Dates zu haben. Ich wollte etwas schaffen was Menschen glücklich machen konnte. Sei es mit einem Stück Kuchen, einem tollen Kaffee oder einfach einer kurzen Unterhaltung. Dieses Gefühl ließ mich nicht los von der Sekunde an, in der ich das erste Mal daran gedacht hatte. Trotz vieler anderer Ideen, war es diese, die mich nachhaltig beschäftigte.

 

 

 

Dann hatte ich noch die Idee eine berühmte Autorin zu werden, Bücher zu schreiben, die so außergewöhnlich waren, dass sich die ganze Welt darum riss.

 

Ich liebte Bücher und las so oft und so viel ich konnte. Durch Bücher konnte man in so viele unterschiedliche Welten eintauchen und seinen Alltag vergessen. Ich kannte nichts, was diesem Gefühl gleichkam. Was die Macht besaß dich zu entführen und erst wieder zurückzubringen, wenn man dafür bereit war. Ich liebte es zu heulen, weil mich die Geschichte so ergriff, zu zittern, weil es so spannend war, laut zu lachen, weil es das Witzigste war was ich jemals gehört hatte. Die Welten die in meinem Kopf entstanden waren nur meine. Sie gehörten nur mir.

 

Warum auch immer dachte ich, dass es ja nicht so schwer sein könnte selbst eins zu schreiben. Aber die Idee gab ich rasch wieder auf, denn es war sogar verdammt schwer. Ich fing an zu schreiben und aus einem geplanten Liebesroman, wurde ein Science-Fiction-History-Liebes-Krimi. Ich konnte meine Gedanken einfach nicht in geordnete Bahnen lenken und einen Plot finden. Seminare zu besuchen und zu lernen wie man schreibt, da hatte ich überhaupt keine Lust drauf. Das war auch eines meiner Probleme, entweder ich konnte etwas sofort, oder ich schmiss es hin. Durchhaltevermögen war etwas, dass ich noch lernen musste. Also ließ ich das mit dem Schreiben einfach wieder und behielt es mir vor, es vielleicht später nochmal zu versuchen, wenn ich älter und gesetzter und vor allem ruhiger wäre. Ich redete mir ein, dass es dann mit dem Schreiben sicher besser klappen würde. Bestimmt.

 

 

 

Irgendwie faszinierten mich die kreativen Berufe und ich versuchte es sogar mit dem Malen. Ich kaufte mir Leinwände und Ölfarben und dachte, dass auch das nicht so schwierig sein konnte. Und wieder lag ich falsch. Es war sauschwer. Tatsächlich habe ich genau ein Bild gemalt und es war so hässlich, dass man auch mit viel Wohlwollen nichts darin erkennen konnte. Das Bild flog in den Müll, genau wie die billigen Ölfarben und die schlechten Leinwände. Adieu Künstlerkarriere.

 

Mangelndes Talent war echt ätzend.

 

Manches konnte man ja durch Fleiß wettmachen, aber ich war nur bedingt fleißig. Um fleißig zu sein musste mich die Sache richtig faszinieren. Sie musste mich begeistern und dann gab ich alles was ich hatte um Erfolg zu haben. Das ist genau wie in der Schule, in der die meisten Schüler die besten Noten in den Fächern schrieben die sie interessierten, wo der Unterricht ihnen Spaß machte. So war das bei mir auch. Das war eine Lektion, die ich relativ früh in meinem Leben gelernt hatte. Habe Spaß, bei allem was du tust. Ein toller Rat und eine tolle Idee, aber wirklich schwer umzusetzen.

 

 

 

Ach ja, Lehrerin wollte ich auch mal eine Zeit lang werden. Das hätte mir glaube ich wirklich Spaß gemacht. Zu meiner Zeit in der Bank habe ich immer gerne Vorträge vor Auszubildenden gehalten. Außerdem hatte ich in meiner gesamten schulischen Laufbahn immer wieder wirklich tolle und bewundernswerte Lehrer, zu denen ich aufschauen konnte und die mich in meiner Entwicklung geprägt haben.

 

Aber um Lehrerin zu sein, muss man studieren und ich wollte auf eigenen Beinen stehen. Ich wollte mein Leben selbstständig meistern und ich hatte einfach keine Lust wieder zu lernen. Ich gebe es zu, das Lernen schreckte mich am meisten ab. Der Stoff an der Uni war deutlich schwerer und umfangreicher als in der Schule. Da war definitiv Fleiß und Ausdauer gefragt und das Risiko war mir einfach zu groß, dass ich doch wieder die Lust verlor.

 

 

 

Nun ja, wie gesagt, ich spann mir über den Tag ziemlich viel zusammen. Mit 27 Jahren hatte ich keine Ahnung was ich mit meinem Leben anfangen sollte. Noch machte mir das Jobben allerdings Spaß und deshalb sah ich auch nicht zwingend eine sofortige Notwendigkeit mein Leben zu ändern. Ich hatte doch noch Zeit. Meine innere Uhr tickte zumindest noch nicht allzu laut.

 

Ich bewohnte eine kleine Wohnung mitten in der Stadt und konnte jeden meiner Jobs mit dem Fahrrad erreichen. Sie war wirklich winzig. Ein Zimmer um genau zu sein. Aber ich liebte sie. Und ich musste nicht so viel putzen. Durch die super Lage brauchte ich auch kein Auto. Ich hätte es mir eh nicht leisten können.

 

Wenn ich mal nicht arbeiten war, ging ich wahnsinnig gerne im Wald spazieren. Ich weiß, das hört sich total spießig an, war es aber nicht. Ich streifte einfach gerne durch den Wald. Ich habe fast meine ganze Kindheit draußen verbracht. Wir wohnten in einem Haus, was direkt an einem Wald gelegen war und so spielte ich mit meiner Schwester nicht mit Barbies, also bei schlechtem Wetter schon, aber sobald kein Regen fiel, waren wir draußen.

 

Manchmal lieh ich mir den Hund meiner Freundin, damit es nicht ganz so bescheuert aussah wenn ich alleine durch den Wald lief. Der Hund war ein schwarzer Neupfundländer und hieß Bruno. Er war fast so groß wie ich, ich könnte sicher auf ihm reiten. Aber er war kein bisschen furchteinflößend, er war der liebste Hund den man sich vorstellen konnte. Er zuckte sogar mal vor einer Maus zurück die unseren Weg kreuzte. Er sah zwar aus, als könnte er mich beschützen, aber ich bezweifelte stark,  dass er es tun würde. Der kleine Feigling würde vermutlich lieber seine eigene Haut retten und sich hinter mir verschanzen.

 

Aber ich hatte ihn trotzdem in mein Herz geschlossen. Ich liebte Tiere und besonders Hunde schon mein ganzes Leben lang und irgendwann würde ich mir einen eigenen anschaffen. Am liebsten aus dem Tierheim. Während meiner Schulzeit ging ich oft mit den Hunden aus dem Tierheim im Dorf meiner Eltern spazieren. Ich wollte immer alle aufnehmen, leider hatte mein Vater eine Tierhaarallergie und somit wurde da nichts draus. Dadurch wuchs aber mein Wunsch irgendwann selbst einem verlassenen Tier ein zu Hause zu geben.

 

 

 

Aber auch mit Zweibeinern lief es ab und an ganz gut. Zum Beginn meiner Geschichte habe ich einen Mann kennengelernt. Er aß in dem Café in dem ich arbeitete. Welch ein Klischee, Business-Typ schleppt Kellnerin ab. Aber so lernte man eben Leute kennen. Er sprach mich an und fragte mich ganz unvermittelt, ob ich ihn nicht mal nach der Arbeit treffen würde. Er sah sympathisch aus und so sagte ich zu.

 

Was hatte ich schon zu verlieren?

 

Er war deutlich größer als ich, was zugegeben nicht schwer war und was ich bei Männern immer schon attraktiv fand. Dazu hatte er eine sportliche, athletische Figur und schwarze ordentlich geschnittene Haare. Ein hübsches, markantes Gesicht und irgendwie wirkte er anziehend auf mich.

 

Er trug einen Anzug als wir uns kennenlernten. Tatsächlich arbeitete er für einen großen Broker und war in seiner Mittagspause bei uns zum Essen. Er hatte Charme und wickelte mich ziemlich schnell um den Finger. Eigentlich war er nicht der Typ Mann auf den ich stehe. Er war zu glatt. Ich konnte es nicht genau definieren, aber irgendwas an ihm passte nicht zusammen.

 

Ach ja, er heißt David.

 

Trotz meiner kleinen Zweifel traf ich mich mit ihm. Ich muss zugeben, dass ich auch nicht der Typ bin, der gerne allein ist. Also ab und zu schon, aber ich sehne mich eigentlich immer nach einem Partner an meiner Seite. Jemanden, auf den ich mich zu hundert Prozent verlassen kann und der einfach zu mir gehört. Klar, ich hatte meine Freunde und die waren unbezahlbar, aber ein Mann an der Seite war doch noch was anderes. Jedoch kam es bei David häufiger vor, dass er mich bei unseren Verabredungen versetzte. An einem Abend waren wir zum Essen verabredet, er wollte mich einladen und ich machte mich bei mir fertig und zog mich schick an. Meine Haare waren leider ziemlich schwer zu bändigen, sie waren dick, glatt und lang. Aufwendige Frisuren fielen bei mir aus. Auch besaß ich einfach nicht das handwerkliche Geschick etwas Tolles aus ihnen zu zaubern. Also blieben sie meistens offen.

 

Er wollte mich um acht abholen. Tatsächlich aber bekam ich um zehn nach acht eine SMS.

 

 

 

Hey Babe. Ich werde es heute nicht schaffen. Sorry. Die Arbeit hält mich auf.

 

Kuss D